Lehrstuhl Prof. Dr. Saskia Lettmaier, B.A. (Oxford), LL.M., S.J.D. (Harvard)

Svend-Bjarne Beil

Historische Entwicklungslinien des Wohnraummietrechts

In Deutschland lebt mehr als die Hälfte aller Einwohner zur Miete und täglich häufen sich Berichte über die Wohnungsnot in den Städten. Daher überrascht es auf den ersten Blick kaum, dass das Wohnraummietrecht hierzulande eine besondere Stellung im Rechtsleben einnimmt, wie nicht zuletzt die vielen Sondervorschriften der §§ 549–577a BGB beweisen.
Betrachtet man allerdings das ursprüngliche Mietrecht im BGB von 1900, so fällt auf, dass weder zwischen der Wohn- und Gewerberaummiete noch zwischen der Miete von unbeweglichen und beweglichen Gegenständen unterschieden wurde – und das, obwohl im ausgehenden 19. Jahrhundert etwa 80 bis 90 % aller Menschen zur Miete wohnten und die zunehmende Wohnungsnot schon damals ein existentes Problem war. Mehr... Zusätzlich erschwert wurde die Lage vieler Mieter dabei durch die fast uneingeschränkte Privatautonomie, die die Vermieterverbände durch vermieterbegünstigende Formularmietverträge auszunutzen wussten.

Erst als die Wohnungsnot infolge des Ersten Weltkrieges geradezu erdrückend wurde, griff der Gesetzgeber erstmals durch die Schaffung zwingender Vorschriften in den Bereichen des Kündigungsschutzes, der Mietpreisbeschränkungen sowie der Wohnraumbewirtschaftung in den Wohnungsmarkt ein. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich aus der so begründeten „Wohnungszwangswirtschaft“ auf einigen Umwegen unser heutiges „soziales Mietrecht“.

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand detaillierter Betrachtungen der drei Epochen „Kaiserreich“, „Weimarer Republik“ und „NS-Staat“ die Entwicklungslinien des Wohnraummietrechts in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachzuzeichnen, diese in Beziehung zur jeweiligen Situation auf dem Wohnungsmarkt zu setzen und den Erfolg der getroffenen Maßnahmen zu bewerten. Daraus sollen abschließend Erkenntnisse für den noch heute währenden Konflikt zwischen Freiheit und Zwang bei der rechtlichen Ausgestaltung der Wohnraummiete gezogen werden.